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Hat sich der neue Lehramtbachelor bewährt?

Rückblick auf die Arbeitstagung am 04.06.2010 in der Universität Leipzig

 

Um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob sich das neue konsekutive BA-/MA-Lehramtsstudium bewährt hat, braucht man nur das Gespräch mit Lehramtsstudierenden oder ihren Dozenten zu suchen. Viele von ihnen fällen ein eindeutiges Urteil, allerdings gehen die Meinungen dabei weit auseinander. Diese Vielfalt deutet darauf hin, dass die Besonderheiten der Studienfächer, die persönliche Situation und Probleme, die mit der Einführung eines neuen Studiengangs verbunden sind, allesamt einen Einfluss haben.

Ziel der vom Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung (ZLS) und vom Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung (ZLSB) der TU Dresden gemeinsam veranstalteten Arbeitstagung war es, die Frage nach der Bewährung des neuen Lehramtsstudiums auf eine breitere und zuverlässigere Basis zu stellen. Die empirische Grundlage bildeten Befragungen von Studierenden und Dozenten, die seit 2009 bei Lehramtsstudierenden an der Universität Leipzig und der TU Dresden durchgeführt werden. Finanziert werden diese Studien durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK).

Die im Rahmen der Arbeitstagung vorgestellten Ergebnisse liefern eine Reihe von wichtigen Anhaltspunkten über Vorzüge und  unübersehbare Probleme der lehrerbildenden BA/MA-Studiengänge. Es ist unmöglich, die Vielzahl der Ergebnisse und die teilweise kontroversen Diskussionen über die Implikationen auch nur annähernd vollständig wiederzugeben. Die Autoren der Befragungen haben die Resultate in zwei Forschungsberichten dokumentiert, die den Teilnehmern in einer Tagungsmappe zur Verfügung gestellt wurden und im Downloadbereich auf dieser Seite für alle Interessenten zugänglich sind.

Die folgende Darstellung soll versuchen einen kleinen Eindruck von den positiven und negativen Veränderungen mit Einführung des Lehramtsbachelors aus der Sicht der Betroffenen (Studierenden und Dozenten) vermitteln.

Befragungen der ersten Absolventen des Leipziger Lehramtsbachelors bestätigen teilweise oft geäußerten Meinungen zum neuen Lehramtsstudium; zum Teil widerlegen sie aber auch populäre Einschätzungen. Zwar nennen die Absolventen im Rückblick auf ihr Studium häufiger Probleme als Vorzüge, aber dennoch zeigt sich mehr als die Hälfte insgesamt zufrieden mit dem Studium. Relativ wenig haben die Studienteilnehmer an der Vermittlung der fachlichen Grundlagen, dem Einbezug aktueller Forschungsergebnisse und der Qualität des Lehrangebots auszusetzen. Bemängelt wird dagegen von der großen Mehrheit die unzureichende Verknüpfung von Theorie und Praxis. Es gilt auch: Je größer die Kritik am (fehlenden) Praxisbezug, umso geringer die Zufriedenheit mit dem Studium insgesamt.

Der wichtigste Vorzug des Lehramtsbachelors wird in der Organisation des Studiums gesehen, das von vielen als kohärent, durchschaubar und planbar erlebt wird. Besonders geschätzt werden der klar geregelte Studienablauf und das Konzept der Zeitfensterregelung. Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen, dass auch die Hauptprobleme in der Studienorganisation gesehen werden, denn beklagt werden in erster Linie mangelnde Wahlmöglichkeiten, Überschneidungen und fehlende Absprachen zwischen den Fakultäten. Aus diesen und anderen Ergebnissen haben die Autoren der Leipziger Studien die Schlussfolgerung gezogen, dass die Reform der Lehrerbildung grundlegende strukturelle Verbesserungen gebracht hat, die aber noch eine Vielzahl von „handwerklichen“ Fehlern aufweisen. Um diese Fehler zu beseitigen, braucht man zweierlei: erstens mehr Ressourcen, insbesondere eine verbesserte personelle Ausstattung, und zweitens Flexibilität und mehr Absprachen zwischen den tragenden Säulen der Lehrerbildung, um Abstimmungsprobleme zu überwinden.

Die Lehrenden sind mit dem BA-Lehramtsstudium deutlich unzufriedener als die Studierenden - jedenfalls gilt das für die Teilnehmer an der Dozentenbefragung (befragt wurden alle Dozenten, die im Wintersemester 2008/09 und im Sommersemester 2009 Lehrveranstaltungen im Rahmen der konsekutiven Lehramtstudiengänge angeboten haben). Gründe für die Unzufriedenheit gibt es viele, genannt werden vor allem die Bürokratisierung des Studiums und der eigene hohe Aufwand für administrative Aufgaben, Belastungen durch die Zeitfensterregelung und fehlendes Personal. Andererseits lobt aber auch ein Teil der Dozenten, die neue Struktur habe zu größerer Kohärenz, Klarheit und Verbindlichkeit im Studium geführt. Ähnlich zwiespältig sehen die Lehrenden, als Gruppe betrachtet, die Veränderungen bei den Prüfungen: zum einen als stark angewachsene Belastung, zum anderen als Gewinn für die Studierenden im Sinne einer kontinuierlichen Leistungsrückmeldung. Es fällt auf, dass die Dozenten, befragt nach den Vorteilen des neuen Lehramtsstudiums, die Vorzüge fast ausschließlich für die Studierenden, kaum aber für sich selbst sehen.

Welche Konsequenzen kann man aus diesen Daten ziehen? Und welche Schlüsse sind erlaubt, wenn sich in vielen Bereichen zeigt, dass der neue Lehramtsbachelor sowohl in den Augen der Studierenden als auch der Dozenten bei den zukünftigen Grundschullehrern mit mehr Problemen behaftet ist als bei den zukünftigen Gymnasiallehrern? Die Frage nach den Schlussfolgerungen wurde unter den Teilnehmern der Arbeitstagung durchaus kontrovers diskutiert, vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil manche der vorgeschlagenen Konsequenzen den persönlichen Überzeugungen widersprachen. Prof. Dr. Siegfried Hoppe-Graff, der als derzeit amtierender Geschäftsführender Direktor des ZLS zu der Arbeitstagung eingeladen hatte, meint dazu: „Ich sehe die Irritationen, die die Ergebnisse bei manchen Tagungsteilnehmern ausgelöst haben, aber auch die teils vehemente Zurückweisung einiger unserer Überlegungen eher positiv. Es zeigt nämlich, dass wir wenigstens das Minimalziel der Tagung erreicht haben, wollten wir doch eine Verunsicherung der meistens sehr festgefügten tradierten Überzeugungen zum neuen Lehramtsstudium auslösen."

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Ort

Universität Leipzig
Campus Augustusplatz

Datum

04. Juni 2010

Tagungsprogramm